Clubtreffen 16.08.2021

Diese Veranstaltung findet als Videokonferenz statt.

60. Clubtreffen

des Hayek-Clubs Frankfurt am Main

 

Montag, 16. August 2021

19:00 – 20:30 Uhr

 

Prof. Dr. Andreas Rödder

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Historisches Seminar,  Neueste Geschichte

„Gendersprache – Wer gewinnt den neuen Kulturkampf?“

Ein aktuelles Schlachtfeld des identitätspolitischen Kulturkampfes ist unsere gemeinsame Sprache. Dieses Gemeingut droht seine verbindende Funktion zu verlieren und Gegenstand scharfer Polarisierung zu werden. Eine noch recht kleine Gruppe von tendenziell linksorientierten Akademikern in Medien, Wissenschaft, Behörden und Großunternehmen will radikale Änderungen. Sie sehen Genderstern, Doppelpunkt und Unterstrich als Beitrag zu einer „diskriminierungsfreien“ Gesellschaft und möchten so „alle Geschlechter“ sprachlich sichtbar und hörbar machen. Schreiben und Sprechen sollen neu geregelt werden.

Zunächst wurden anstelle des generischen Maskulinums („Schüler“) die weibliche und die männliche Form genannt („Schülerinnen und Schüler“). Diese Erweiterung ist zwar sprachlich umstritten, scheint aber Akzeptanz zu erfahren, zumindest wenn es um Anreden und ausgewählte Personengruppen geht. Als durchgängiges Prinzip in Texten wird die doppelte Form aber weiter überwiegend abgelehnt oder zumindest nicht durchgehalten, nicht nur bei negativ bewerteten Personengruppen („Diebinnen und Diebe“).

Doch seit kurzen gehen Akteure im öffentlichen Rundfunk, in Hochschulen, Schulen, Behörden und Konzernen weiter: Sie führen ein „drittes Geschlecht“ in die Sprache ein – in die schriftliche und mündliche Sprache. Der Widerstand gegen Genderstern und Stolper-Sprache in Nachrichtensendungen ist groß, wie Allensbach (z.B. FAZ, 16.06.2021) ermittelt hat.

Gendersprache und Gängelei im Allgemeinen werden breit abgelehnt: Der Aussage „Ich weigere mich mit Absicht, meine Ausdrucksweise anzupassen und mich politisch korrekt auszudrücken, weil es mich nervt, wenn andere versuchen, mir ihre Sprachregelungen aufzudrängen“, stimmten 55 Prozent der Befragten zu und nur 19 Prozent ausdrücklich nicht. Und laut Forschungsgruppe Wahlen fanden Mitte Juli 2021 die Verwendung „geschlechtergerechter Sprache“ in den Medien 25 Prozent gut und 71 Prozent nicht gut.

Die Befürworter des Genderns, etwa im öffentlichen Dienst und bei SPD, Grünen und LINKE, denken aber nicht im Traum an Rückzug, zumal ihnen von CDU und FDP bisher kein nennenswerter Widerstand öffentlich entgegengebracht wird – eine Ausnahme ist der Hamburger CDU-Vorsitzende Christoph Ploß.

Offenbar erkennen viel bürgerliche Politiker – wieder einmal – nicht, welche Gefahren dieser neue Kulturkampf der politischen Linken für die Freiheit in unserem Land mit sich bringt. Während in Frankreich die Regierung ein Verbot der Gendersprache in Schulen etc. verfügt, beschränkt sich zum Beispiel ein CDU-Ministerpräsident auf die Aussage, jeder solle sprechen dürfen, wie er wolle. Was privat selbstverständlich ist, wäre in Amtsstuben und öffentlich-rechtlichen Medien fatal. Bliebe es bei dieser Haltung, dann wäre faktisch der Weg frei für den offiziell praktizierten Genderstern in Unis, Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Verwaltungen und über kurz oder lang auch in Polizei und Justiz. Der Weg wäre frei für den sprachlichen Marsch einer kleinen Minderheit durch die öffentlichen und medialen Institutionen. Schon jetzt gibt es reichliche Mitläufer – und peinliche Ausrutscher. General Eberhard Zorn schrieb am 06.07.2021 auf Twitter: „Erster persönlicher Austausch mit den
Mitglieder | innen des Beirats Innere Führung in diesem Jahr.“ Welcher Artikel gehört zu „Mitglied“?

In einem kritischen Aufsatz über das Gendern erklärte Dörte Stein am 03.07.2021 in der taz: „Es hat in der Geschichte sowohl fiktive als auch reale Versuche gegeben, Sprache von oben zu manipulieren, um dadurch Menschen zu beeinflussen und ihre Eigenständigkeit zu unterdrücken. Es verwundert, wie bedenkenlos sich angeblich progressive Institutionen hier einreihen. (…) Der Widerstand gegen das Gendern richtet sich gegen die aufgezwungene Sprachpolitik und ist nicht gleichzusetzen mit der Ablehnung von Diversität, Gleichstellung und Diskriminierungsfreiheit. Diese Werte sind mittlerweile über ein breites politisches Spektrum konsensfähig in einer aufgeklärten, egalitären Gesellschaft. Die Gender-Befürworter vertreten sie nicht exklusiv.“

Kritiker des Genderns betonen zum einen praktische Schwierigkeiten. Wird aus dem Plural „Die Bürgermeister der Städte“ künftig „Die Bürger*innenmeister*innen der Städte“? Selbst die Grünen haben keine „Kanzler*inkandidatin“ ausgerufen. Für viele Menschen, nicht nur für jene mit Lese-Rechtschreibproblemen oder für Ausländer, ist das zu kompliziert. Ganz zu schweigen davon, dass permanent von den Inhalten eines Textes abgelenkt wird und die Aufmerksamkeit hin zu Gender und Sexualität gelenkt wird. Und in der mündlichen Kommunikation dürfte der Gedankenaustausch zwischen Menschen rasch enden, wenn die einen stets eine Gender-Pause sprechen und die anderen nicht. Niemand lässt sich gerne von anderen derart belehren, so dass Schweigen und Distanzierung die Folgen sein dürften.

Zum anderen geht es um Inhalte. Herr Prof. Rödder hat in einem Streitgespräch mit der ehemaligen ZDF-Moderatorin Gerster (Allgemeine Zeitung Mainz, 30.04.2021) vor „ideologischer Aufladung“ durch die Gendersprache gewarnt. Der Genderstern stehe dafür, die Zweigeschlechtlichkeit von Männern und Frauen durch das Konzept einer „fluiden Geschlechtlichkeit“ zu überwinden. Es werde intendiert, die Unterschiede zwischen männlich und weiblich zu überwinden. Das sei eine grundlegende historische Umwälzung. Er warnte vor Konformitätsdruck, z.B. an Hochschulen, der schnell auf die ganze Gesellschaft übergehen könne.

Zudem verweist Herr Prof. Rödder auf das inklusive Konzept der deutschen Sprache und auch des generischen Maskulins: „Wir sagen der Mond, die Sonne, das Wasser, der Mensch, die Person, das Opfer. Das grammatikalische Geschlecht hat nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun.“

 

Referent

Herr Prof. Dr. Andreas Rödder (54) studierte Geschichte und Germanistik in Bonn, Tübingen und Stuttgart und legte 1991 das Erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Tübingen ab. Nach Abschluss seiner Dissertation in Bonn wechselte er 1994 an die Universität Stuttgart. 2001 habilitierte er sich dort mit einer Studie über „Die radikale Herausforderung. Die politische Kultur der englischen Konservativen zwischen ländlicher Tradition und industrieller Moderne 1846–1868“. Von 2001 bis 2005 war Prof. Rödder Hochschuldozent am Historischen Institut der Universität Stuttgart. 2005 wurde Prof. Rödder zum ordentlichen Professor für Neueste Geschichte an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz berufen. Im akademischen Jahr 2021/22 ist er Helmut Schmidt Distinguished Visiting Professor an der School of Advanced International Studies an der Johns Hopkins University in Washington.

Herr Prof. Rödder gehört unter anderem dem Herausgebergremium der Historischen Zeitschrift und der European Council Studies sowie dem Wissenschaftlichen Beirat des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und Leipzig an. Er ist seit 2008 Präsident der Stresemann-Gesellschaft. Während der Landtagswahlkämpfe 2011 und 2016 in Rheinland-Pfalz war Prof. Rödder im Schattenkabinett von Julia Klöckner für den Bereich Bildung, Wissenschaft und Kultur verantwortlich. Er ist Gründungsmitglied des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, das für freie und kontroverse Sachdebatten und gegen Cancel Culture und Political Correctness eintritt.

Diese Veranstaltung findet als Videokonferenz statt.

19:00

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19:45

20:30

Begrüßung Dr. Clemens Christmann

Vortrag Prof. Dr. Andreas Rödder

Diskussion

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